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Heimkehr 2 groß

Dr. Franz Bertold

Heimkehr 2
Der Schutzengel blieb am Bahnsteig stehen.
Bericht über die Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft
und andere Schutzengelgeschichten

Ein „Schutzengel“
Gerade hatte ich die erste Nacht in der Genesungsbaracke hinter mich gebracht und sass, die dünne Hirsebrühe löffelnd, auf meiner Pritsche in der untersten Etage des langen, dreistöckigen Bettenverschlags, als ein sehr freundlich, fast mütterlich dreinblickender, etwa 35 Jahre alter Kamerad vor mir stand, mit liebem, rundem Gesicht und mittelkurz geschorenem dunkel-rötlich-braunem Haar, das trotz der Kürze noch leicht gewellt war. Er hatte den Deckel eines deutschen Kochgeschirrs in der Hand, aus dem es wunderbar und köstlich nach gebratenem Fleisch und Gemüse roch, vermischt mit Sauce und Kartoffeln. Dergleichen hatte ich in unserem Lager bisher weder gerochen noch gesehen. Halb bestürzt, halb neugierig fragte ich: „Mensch, Kamerad, wo hast du das denn aufgetrieben und wieso kommst du damit zu mir?“ Ein bisschen ungläubig und ängstlich sah ich mich dabei nach den anderen Kameraden um. Aber die schienen weder uns beide, noch die herrlichen Leckerbissen auf dem sauber polierten Feldgeschirr zu bemerken.
Der Kamerad sah mich freundlich an und sagte aufmunternd: „Iss nur, das ist alles für Dich!“ Gierig und doch mit einem dankbaren Schauder auf dem Rücken fing ich an zu essen, während mir der Kamerad fröhlich und zufrieden zusah, ohne auch nur einen einzigen Bissen selbst zu probieren.
Noch immer hungrig, und außer mir vor Verwunderung, fragte ich noch einmal: „Mensch, wo hast du das denn organisiert oder geklaut? - Gibt’s denn so etwas in diesem Hungerlager, wo selbst die Russen schon um nasses Brot froh sind? - Bist Du vielleicht Koch beim „T 34?“ (Dem russischen Lagerkommandanten, dem wir wegen seiner breiten Epauletten und seines bulligen Aussehens den Spitznamen des gefürchteten russischen Kampfpanzers gegeben hatten). Schmunzelnd gab mir der Kamerad, der sich später als Karl Heurich aus Berlin vorstellte, zur Antwort: „Woher ich das habe, braucht dich nicht zu kümmern. Ich werde jetzt jeden Tag - morgens, mittags und abends zu Dir kommen und schauen, dass Du wieder zu Kräften kommst; denn bald werden wir beide aus diesem Lager zum nächsten Heimtransport entlassen. Damit Du dafür fit wirst, möchte ich, dass Du bald reisefähig bist.“

Eine große Entscheidung
Wochen vergingen, in denen ich mich zusehends erholte. Es wurde Oktober. Draußen war herrliches Herbstwetter. Ich genoss es, an Karls Seite zu gehen und seine ruhige Stimme zu hören. Er erwies sich als guter Zuhörer und angenehmer Gesprächspartner. Als er meine Erlebnisse aus dem Krieg und aus der Gefangenschaft zu hören bekam, unterbrach er mich einmal unvermittelt und meinte - mich nachdenklich anblickend - ob ich denn noch nie den Wunsch gehabt hätte, Priester zu werden.
Ich zögerte ein wenig und wollte dieser Frage ausweichen, die doch sehr mein seelisches Innenleben berührte. Aber dann erzählte ich Karl, dass ich als Kind den lebhaften Wunsch gehegt hätte, Kapuziner zu werden. Zu diesem Zweck hätte ich das Kapuzinerseminar in Burghausen und das dortige Gymnasium besucht. Von der Schulbank weg (das Kapuziner-Seminar hatten die Nazis schon 1940 geschlossen) sei ich im Juli 1942 zum Krieg eingezogen - und später (im März 1944) an den Mittelabschnitt bei Witebsk verlegt worden, wo ich am 21. Juli verwundet und kurz darauf gefangen genommen worden sei.
Nach dieser längeren Erläuterung meiner „Vorgeschichte“ blieb Karl stehen, schaute mich prüfend an und sagte dann unvermittelt: „Entscheide Dich frei und überleg’ Dir Deine Entscheidung gründlich. Schlaf mal ein paar Nächte darüber! Ich weiß nur eines: Wenn Du zu dem freien Entschluss kommen solltest, zu studieren, um Priester zu werden, dann wird Gott Dich schon sehr bald nach Hause kommen lassen!“
Auf diese - für mich völlig unerwartete - Eröffnung reagierte ich betroffen und war zunächst entschlossen, den Gedanken an den Priesterberuf nicht mehr in mir aufkommen zu lassen. Zwar schien er mir, angesichts meiner „Vorgeschichte“ im Seminar bei den Kapuzinern nicht fremd. Aber für mein zukünftiges Leben hatte ich mich noch nicht festgelegt. Die Zeit im Seminar lag zwar nur fünf Jahre hinter mir, aber was war nicht in diesen Jahren alles geschehen! Nicht zuletzt hatte ich auch ein liebes Mädchen kennen gelernt: Es war zwar eine gute Bekanntschaft, aber von Heirat hatten wir, aus verschiedenen Gründen, nie miteinander gesprochen. Allein die Bekanntschaft mit ihr hatte meinen Zukunftsplänen auch andere Horizonte geöffnet. Und das Seminar lag, wie schon gesagt, weit zurück.
Karl, der dieses Ringen in meinem Innersten ahnen mochte, sprach das Thema vorerst nicht mehr an. Ich erzählte ihm nun von Lebensperspektiven, die sich während der russischen Gefangenschaft bei mir gebildet hatten. Ich erzählte von Plänen, einmal ein guter Koch zu werden und wies auf die vielen Kameraden hin, die immer wieder neue Kochrezepte von mir hören wollten. Kochrezepte flossen mir geradezu von meiner von Hungerphantasien beflügelten Zunge. Sie mußten, wie ich aus dem beifälligen Nicken küchenerfahrener Kameraden schloss, sogar „Hand und Fuss“ haben. Zu anderer Stunde wieder erwog ich ernsthaft die Möglichkeit, dass ich, falls mein älterer Bruder nicht mehr aus dem Krieg heimkommen würde, meinen Eltern daheim im Geschäft würde zur Seite stehen müssen; wieder ein anderes Mal sprach ich von der großen Erziehungsnot in Deutschland, die nach der Nazi-Herrschaft und der Kriegs-Katastrophe zu erwarten sei, und dass dann gute Lehrer gefragt wären.
Karl hörte sich das alles geduldig und mit großer Anteilnahme an. Zum Schluss meinte er: „Mach Dir keine Sorgen, Gott wird Dich in den nächsten Tagen zur rechten Entscheidung führen!“ Diese Worte gingen mir nicht aus dem Kopf. Eine Woche später klärte sich in mir der Entschluss, falls mein Bruder schon bei meiner Heimkehr zu Hause sein sollte, das Theologie- und Priesterstudium aufzunehmen. Immer stärker kam mir dabei meine große innere Bindung zu meinem Bruder ins Bewusstsein und die Qual der Entscheidung für Theologiestudium und Priesterberuf schien mir im Vergleich zu der Sorge, meinen geliebten Bruder und Kindheitsgefährten nicht heil wiederzusehen, von geringem Gewicht zu sein.
Als ich Karl - etwa zwei Wochen nach unserer ersten Begegnung - diese Gedankenfolge und meinen daraus folgenden Entschluss mitteilte, sah er mich nochmals eine Weile sinnend an und sagte: „Was Gott von uns will, sind nicht unsere Urteile und Entscheidungen, sondern allein unser kindliches Vertrauen. Solange Du dieses behältst, wird es an seinem Schutz und an seiner barmherzigen Führung nicht fehlen“. Und dann fuhr er fort: „Behalte es für Dich, was ich Dir jetzt sage: Schon in den nächsten drei Tagen wird eine Ausmusterung für den zweiten Heimtransport stattfinden, der von diesem Lager abgehen wird. Du und auch ich werden in einer nächtlichen Untersuchung für den Heimtransport aussortiert werden. Ich werde mich darum kümmern, dass Du das Nötigste für die lange Fahrt mitbekommst. Mach Dir keine Sorgen, Du wirst die Fahrt gut überstehen und heil nach Hause kommen.!“

Der Weg in die Freiheit
Genau drei Tage später mußten wir zusammen mit den anderen Insassen der großen Genesungs-Baracke, sowie den dazu ausgemusterten Insassen weiterer Baracken in langer Reihe hintereinander durch ein offenes, beleuchtetes Zelt hindurch am Stabsarzt und seinen Helferinnen vorbeigehen, die uns wie ausgehungertes Vieh taxierten und betasteten. „Nalewo!- Nalewo!- Nalewo!“ (d. h. „links ab!“) hiess es meistens; was bedeutete, dass diese bedauernswerten Kameraden nicht für den Heimtransport in Frage kamen.
Das Herz klopfte mir bis zum Halse, als ich an die Reihe kam. Das Betasten und Prüfen schien kein Ende zu nehmen, bis endlich die brummige, aber laute Stimme des Stabsarztes im gewohnten barschen Ton befahl: „Naprawo“ („Ab, nach rechts!“). Ich durfte heim! Kaum vermochte ich, mein Glück zu fassen. Von einem dicken Kloss im Hals befreit, ging ich frierend der kleineren Gruppe zu, die für die Heimkehr bestimmt war. Ich hatte ein Gefühl der Leichtigkeit und mir war, als schwebte ich wie eine Feder dahin.
Doch noch war mein Freund Karl, der etwa acht Mann hinter mir gestanden hatte, nicht durch die Kontrolle. Um ihn zitterte ich fast mehr als um mich selbst. Schließlich aber löste sich die Spannung, als auch er nach einigen „Nalewos“ den fast freundlich klingenden Befund des Stabsarztes zu hören bekam: „Geurich Karl (die Russen haben Schwierigkeiten, ein anlautendes „H“ zu sprechen): Naprawo!“. Ruhig und ohne sichtbare Erregung ging Karl nun auf unsere Gruppe, die „Heimkehrer“ zu und faßte mich freundlich und aufmunternd an der Hand. Zusammen gingen wir in die Genesungsbaracke zurück, begleitet von russischen Posten und Ärztinnen, die von nun an unsere Gruppe im Auge zu behalten hatten. Karl lag eine Pritsche neben mir.
Am nächsten Morgen, etwa um 8 Uhr früh hiess es „Aufstehen!“. Wir bekamen ein kaffeeartiges Getränk und eine Extraration Brot mit Wurst und Margarine. Karl paßte auf, dass ich nicht aus Gier sofort alles verschlang, sondern einen angemessenen Vorrat für den Mittag in einen „Russentopf“ steckte, den er mir besorgt hatte. Bei allem Respekt und aller Bescheidenheit, mit der er mir gegenüber auftrat, war er wie Mutter und Vater zugleich.
Um 9 Uhr hiess es „Raustreten“! Namenslisten wurden kontrolliert und nochmals wurde abgezählt. Dann wurden wir als etwa 500 Mann starke Gruppe, die aus mehreren Baracken „aussortiert“ worden war, in Viererreihen zum Lagertor hinausgeführt, dem etwa 8 km entfernten Bahnhof von Georgiewsk entgegen. Die ersten Schritte in die Freiheit!
Glücklich, aber doch mit einem Gefühl der Beklommenheit, hatten wir das Lagertor passiert, an dem sich hunderte von Kameraden versammelt hatten, die nicht so glücklich waren wie wir und noch hier bleiben mußten. Fast jeder von uns hatte hier noch von einem der zurückbleibenden Kameraden eine Nachricht für Frau oder Familie daheim in Deutschland zugesteckt bekommen. Auch mir hatte ein Kamerad einen Zettel gereicht, mit der dringenden Bitte, ihn seiner Frau zu überbringen. Er war Münchner. Müller hiess er und seine Frau wohne in einem Haus in der Innenstadt, das gleich ans Karlstor angebaut sei. Ich versprach ihm hoch und heilig, die Nachricht zu überbringen, denn München lag ja voraussichtlich auf meinem Weg nach Hause. Und andernfalls würde ich die Nachricht ja von daheim aus mit der Post senden können. Ich steckte den Zettel ein.
Dann marschierten wir los, dem Bahnhof entgegen. Es war fast mehr ein Laufen als ein Marschieren. Von Heimkehrerfreude angetrieben, schafften wir die acht Kilometer, obwohl wir weiß Gott nicht bei besten Kräften waren, in weniger als einer Stunde. Manche der am Wege stehenden Kinder, Frauen und Landarbeiter winkten uns zu und wünschten uns eine gute Heimkehr.
Am Bahnhof stand der Zug mit qualmender Lokomotive bereit. Das Einsteigen in die einzelnen Waggons, die mit frischem Stroh aufgeschüttet waren, erfolgte - exakt nach den Namenslisten - ohne Geschiebe, Gedränge und Geschrei; ein Vorgang, der die kontrollierenden Russen in Erstaunen versetzte. Aber die Disziplin war verständlich: Schließlich wollte keiner von uns durch unangenehmes Auffallen bei den Begleitmannschaften, die nicht viel Federlesens zu machen pflegten, seine Heimkehr riskieren. So währte die Zeitspanne zwischen unserer Ankunft am Bahnhof Georgiewsk bis zur Abfahrt kaum länger als eine halbe Stunde.
Dann, gegen 11 Uhr vormittags, setzte sich unser Transport aus etwa 500 Gefangenen und rund 300 russischen Wachmannschaften in Bewegung. Zunächst ging es in nordwestlicher Richtung auf das über 500 Kilometer entfernte Asow’sche Meer zu, das durch Meeresarme mit dem Schwarzen Meer verbunden ist. Karl und ich lagen direkt am Schiebetor des Waggons. Durch einen schmalen Spalt konnten wir, noch bevor der Abend dämmerte, die Meeresküste und die Meereslandschaft mit ihren flachen grauen Wogenkämmen und ihren vom Wind zerzausten, von Sonnenstrahlen durchbrochenen Wolkenbänken bewundern. Karl genoss dieses Schauspiel mit großen, nachdenklichen Augen. ....

DIN A5, 248-seitig,
Bestell-Nr. 050

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